Korruption
à la China
In der westlichen
Welt werden Korruptionsströme noch immer auf dem
„Geldpfad“ verfolgt. Cash war bisher immer das beste Schmieröl. Da
halten es die findigen Chinesen anders: Sie bestechen auch ohne
Bargeld! Im Kampf gegen die allgegenwärtige Korruption kommen die
chinesischen Ermittler kaum hinterher.
Bestochen wird heute per Internet, denn die elektronischen Geldströme
lassen sich kaum zurückverfolgen! Aufsehen erregte in den vergangenen
Wochen der Spitzenbeamte Wie Pengyuan. Mitte fünfzig, galt er unter
seinen Kollegen als unauffällig und bescheiden. Zum Dienst als
stellvertretender Direktor der für Chinas Kohlenindustrie zuständigen
Regulierungsabteilung in der Nationalen Energiebehörde, gelegen im
Stadtteil Xicheng im Pekinger Westen, radelte Wie auf einem alten
Fahrrad. Er trug billige Kleidung und schlürfte nur Tee. In kurzen
Worten: billiger geht es nicht mehr…
Eine anonyme Anzeige brachte aber alles ins Rollen. Als die Polizisten
die Wohnungstür aufbrachen, flatterten ihnen die Millionen in
Geldbündeln ins Gesicht. 230 Millionen Yuan, also rund 32 Millionen
Euro, ergossen sich auf die verdutzten Beamten.
In China ist die größte Note die 100er, gerade mal 14 Euro wert. Die
„Beute“, mehrere Tonnen schwer, musste mit Lastwagen abtransportiert
werden.
Und oh Schmach: Beim Zählen der Banknoten in der chinesischen
Zentralbank lief gar die Notenzählmaschine heiß und brach zusammen.
Spott in den Zeitungen, wie zu Lire-Zeiten in Italien:
„Korruptionsgelder werden nicht mehr mit der Maschine gezählt, sondern
nach Gewicht!“…
Würde China sein Bargeld abschaffen, wäre es für korrupte Beamte ein
Segen, meint scherzhaft Juraprofessor Liu Pinxin von der renommierten
Pekinger Renmin-Universität: „Dann bräuchten sie für die vielen
Geldsäcke nicht mehr so große Wohnungen zu mieten oder zu kaufen.“
Dass die EU den 500er Euroschein abschaffen will, stößt bei Professor
Pinxin auf Unverständnis: „Bei uns gilt diese Gleichung nicht.
Bestechungsgelder in bar sind für uns viel leichter zu verfolgen als
elektronische Zahlungen.“ Und fügt bei: „Wer bei uns in China den als
‚huilu‘ bezeichneten Bakschisch in bar annimmt, ist entweder fahrlässig
oder dumm.“
Für Fachleute ist es klar: Im Internet gibt es eine Million (!) Wege,
Geldzahlungen zu verschleiern.“ Täglich wird es raffinierter. Die Täter
sind der Polizei immer einen Schritt voraus…
Den Gegenwert von satten drei Milliarden Euro haben die Ermittler in
Chinas Antikorruptionskampagne in den letzten drei Jahren konfisziert.
Alleine auf Ministerebene (!) wurden 93 Kader verhaftet. Diese von
Präsident Xi Jinping verfügte Verfolgung ranghöchster Minister wird
offiziell als „Tigerjagd“ bezeichnet.
Interessantes Detail:
Verhöre und Vernehmungen finden nur noch im Erdgeschoss der Behörde
statt. Bisher waren schon über 20 Beamte in die Enge getrieben worden
und aus Verzweiflung ob der Schande aus dem Fenster in den Tod
gesprungen!
Seit Beginn der „Tigerjagd“ werden an der Renmin-Universität
Jurastudenten zu Korruptionsjägern ausgebildet, angeleitet von Jurist
Liu. Gerade mal 18 bis 30 Teilnehmer weist der Masterstudiengang per
Jahrgang auf; das elitäre dreijährige Programm ist einzigartig in China.
Einige Absolventen landen in Anwaltskanzleien oder in der
Compliance-Abteilung von Staatskonzernen. Die Hälfte aber arbeitet in
chinesischen Strafverfolgungsbehörden und jagt korrupte Politiker,
Beamte und Manager.
Heute laufen Bestechungen vor allem über die elektronische Zahlung.
Üblicherweise etwa mit Hilfe elektronischer Rabattkarten, mit denen nur
zehn Prozent des Kaufpreises bezahlt werden muss, die mit unter einem
Decknamen oder im Ausland zugelassenen Bankkarten erworben wurden.
In China weitverbreitete Computerspiele wie „Second Life“, bei denen
virtuelle Zahlungsmittel zum Kauf von Gegenständen oder
kostenpflichtigen Aktivitäten erworben werden müssen, sind unter
korrupten Beamten besonders beliebt. Wer diesen für sich einnehmen
will, kauft ihm Spielmaterial für oftmals Millionen Yuan, das der
Beamte nach Belieben und Bedarf weiter veräußert. Korruptionsexperte
Liu: „…Es ist fast unmöglich nachzuverfolgen…“
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